Weniger suchen, sicherer steuern: Wie UX eine gewachsene Steuerung neu gedacht hat

Veröffentlicht am 24.06.2026 von Philipp Grau

Philipp Grau

Viele technische Systeme entstehen nicht am Reißbrett, sondern wachsen über die Zeit. Eine Funktion kommt hinzu, dann eine weitere, irgendwann noch eine neue Nutzergruppe, und bevor man es merkt, ist eine Oberfläche entstanden, die mehr Fragen aufwirft als sie beantwortet. Genau das war die Ausgangssituation bei diesem Projekt.

Eine Steuerung, zu viele Fragen

Das Schwimmbad Musterstadt nutzt eine digitale Benutzeroberfläche, um Licht, elektrische Geräte und technische Funktionen des gesamten Bads zentral zu bedienen. Ob Haustechniker oder Bademeister: Verschiedene Personen mit unterschiedlichem Vorwissen greifen täglich auf das System zu. Beleuchtung ein- und ausschalten, Düsen in den Becken aktivieren, Haartrockner in den Umkleiden steuern, Rinnenreinigung starten. Was funktional klar klingt, war in der Praxis durch die Oberfläche selbst zur Herausforderung geworden (siehe Bilder unten).

Eine tiefe, schwer lesbare Baumstruktur auf der linken Seite, ein visuell überforderter Grundriss mit Schraffuren, Icons und farbigen Punkten, dazu inkonsistente Bedienmuster: Manche Funktionen ließen sich direkt im Grundriss steuern, andere nur über separate Controls weiter unten. Welche Elemente interaktiv sind und welche nicht, war auf den ersten Blick nicht erkennbar. Hinzu kamen zu kleine Trefferflächen für die Touch-Bedienung, fehlende Doppelkodierung über Farbe und Icon, ein echtes Problem bei Farbsehschwäche, sowie Bezeichnungen wie „Taster", die kaum verraten, was sich dahinter verbirgt.

Was gut war, bleibt. Was störte, wird gelöst.

Eines hat die alte Oberfläche jedoch richtig gemacht: Sie zeigte den Grundriss des Schwimmbads als visuelle Basis. Wer die Räumlichkeiten kennt, findet sich damit schnell zurecht. Dieser Ansatz war zu gut, um ihn aufzugeben, weshalb er bewusst ins neue Konzept übernommen und konsequent weiterentwickelt wurde.

Das zentrale Prinzip des Redesigns: klare Trennung von Anzeige und Steuerung. Auf der linken Seite befindet sich jetzt die vollständige Steuerliste. Alles, was bedient werden kann, ist dort aufgelistet, sortierbar, individuell anpassbar und einheitlich aufgebaut. Schalter und Buttons befinden sich immer an derselben Stelle, sodass die Bedienung nach kurzer Eingewöhnung fast automatisch läuft. Rechts bleibt der Grundriss erhalten, dient nun aber ausschließlich der Orientierung und Anzeige. Welche Elemente dort sichtbar sind, lässt sich flexibel ein- und ausblenden.

Die Bedienung ist damit auf eine einzige Stelle reduziert. Kein Suchen zwischen Grundriss, unterer Leiste und Baumstruktur mehr.

Verknüpft, aber nicht abhängig

Trotz der Trennung sind beide Bereiche intelligent verbunden. Wer auf ein Element im Grundriss klickt, sieht das passende Steuerelement links sofort hervorgehoben, und umgekehrt. Die Verbindung zwischen Ort und Funktion bleibt erhalten, ohne dass die eigentliche Bedienung davon abhängt.

Für Personen, die das System nur gelegentlich nutzen, etwa eine Aushilfskraft, die nicht täglich im Schwimmbad arbeitet, können direkt an jedem Element erklärende Texte hinterlegt werden. So weiß jede Person sofort, was ein Schalter bewirkt und was zu beachten ist, ohne erst nachfragen zu müssen.

Struktur für komplexe Umgebungen

Was früher alles gleichzeitig sichtbar war, ist jetzt sinnvoll strukturiert. Räume können als eigene Hierarchieebenen definiert werden, sodass beispielsweise nur die Steuerung der Haupthalle angezeigt wird, wenn man sich gerade darum kümmert. Der ehemals dominante Navigationsbaum ist in ein Overlay-Menü gewandert, das bei Bedarf über einen Button geöffnet wird. Die aktuelle Aufgabe steht damit immer im Vordergrund, ohne ablenkende Strukturen drumherum.

Elemente, die logisch zusammengehören, können zu Gruppen zusammengefasst und durch eine gemeinsame Nummerierung kenntlich gemacht werden. Wer im Grundriss eine markierte Gruppe sieht, erkennt sofort, welche Elemente zusammen geschaltet werden. Das reduziert Fehler, beschleunigt den Betrieb und macht das System auch für neue Nutzer leichter erlernbar.

Zeitgemäß in Form und Funktion

Neben der strukturellen Überarbeitung wurde auch die visuelle Sprache des Interfaces erneuert. Die neue Oberfläche orientiert sich an der Corporate Identity des Schwimmbads Musterstadt, nutzt eine moderne, vereinfachte 3D-Darstellung der Räumlichkeiten und wirkt damit deutlich frischer als die bisherige Lösung. Gleichzeitig sind alle Bedienelemente jetzt so dimensioniert, dass sie problemlos per Touchscreen auf einem Tablet bedient werden können, ohne Trefferprobleme oder ungewollte Fehleingaben.

Das Ergebnis ist eine Oberfläche, die visuell klar, strukturell konsistent und im Alltag spürbar angenehmer zu bedienen ist: schneller erfassbar, leichter erlernbar, weniger fehleranfällig.

Prinzipien, die weiterdenken

Was auf den ersten Blick nach einem klar abgegrenzten Projekt aussieht, hat eine Relevanz, die über das Schwimmbad hinausgeht. Technische Steuerungsoberflächen, bei denen Menschen mit unterschiedlichem Vorwissen komplexe Systeme zuverlässig bedienen müssen, sind in vielen Branchen Alltag.

Auch dort wachsen Systeme über die Zeit, entstehen inkonsistente Bedienmuster, müssen verschiedene Nutzergruppen täglich fehlerfrei mit der Technik interagieren. Die Herausforderungen sind dieselben: zu viele Informationen auf einmal, keine klare Trennung von Anzeige und Aktion, fehlende Orientierung in komplexen Strukturen. Und die Lösung folgt denselben Prinzipien: klare Struktur, konsistente Interaktion, reduzierte Komplexität.

Gutes Interface-Design macht technische Systeme nicht einfacher als sie sind. Aber es sorgt dafür, dass Menschen sie sicher, effizient und ohne unnötige Reibung bedienen können. Das ist kein ästhetisches Argument. Es ist ein betriebliches.

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