In der Softwareentwicklung wird viel über Effizienz gesprochen. In der Praxis entstehen jedoch häufig Reibungsverluste genau dort, wo Design und Code zusammenkommen. Aleksej Wachs, Senior UX Designer mit Schwerpunkt Design Systems bei Shapefield, setzt an dieser Schnittstelle an. Für ihn ist ein Design System weder bloßes Dokument noch Branchentrend, sondern ein zentrales Werkzeug, um Komplexität zu strukturieren, Zusammenarbeit zu verbessern und Produktentwicklung nachhaltig effizienter zu machen.
Aleksejs Weg in die User Experience begann im Studium der Medieninformatik mit dem Fokus auf Human-Computer Interaction (HCI). Früh erkannte er die Tragweite seines Fachgebiets: „Mir war klar, wie stark gute oder schlechte Bedienbarkeit darüber entscheidet, ob ein Produkt überhaupt funktioniert.“
Sein Einstieg bei Shapefield erfolgte früh in der Startup-Phase über seinen ehemaligen Dozenten und heutigen Principal Consultant David C. Thömmes. Was Aleksej reizte, war die Chance, Verantwortung zu übernehmen und sich fachlich breit aufzustellen. Er startete als UX Designer, tauchte aber schnell tief in die Softwareentwicklung (.NET WPF, Qt) ein.
Dieses technische Fundament prägt seine Arbeit bis heute. Der entscheidende Wendepunkt kam 2018 in einem Mikroskopie-Projekt: „Ich war dort als Entwickler eingebunden und habe zum ersten Mal gesehen, wie ein Design System wirklich gelebt wird, und zwar als Arbeitsgrundlage für Design und Entwicklung. Es war damit ein wirksames Werkzeug, um Komplexität beherrschbar zu machen.“
Obwohl der Begriff in der Branche allgegenwärtig ist, wird er oft fehlinterpretiert. Dieses Missverständnis kostet Unternehmen Zeit und Ressourcen – ein Problem, dem Aleksej regelmäßig begegnet.
„Viele sprechen von ‚Design System‘, meinen aber eigentlich alles Mögliche, vom Styleguide bis zur Component Library“, erklärt er. Oft werde das Thema schlicht adaptiert, weil es im Trend liege, noch bevor klar sei, welches konkrete Problem gelöst werden soll.
Dabei wird der Return on Investment eines Design Systems oft unterschätzt. Sein Wert zeigt sich nicht allein in einer einheitlicheren Oberfläche, sondern vor allem im Arbeitsalltag: Teams lösen UI-Fragen nicht immer wieder neu, Komponenten müssen nicht mehrfach gebaut werden, Abstimmungen werden klarer und Produkte lassen sich konsistenter weiterentwickeln. Der eigentliche Hebel entsteht laut Aleksej dort, wo Design und Entwicklung ihre Silos verlassen und gemeinsam an einer verlässlichen Grundlage arbeiten.
Wie überzeugt man Kunden von einem System, das sie womöglich noch gar nicht kennen? Aleksejs Ansatz ist strikt nutzenorientiert. Er spricht nicht über die Theorie von Design Systems, sondern über die Schmerzpunkte im Projektalltag.
Typische Fragen, die er stellt, zielen auf Inkonsistenzen, doppelten Arbeitsaufwand und verteilte Ressourcen ab. Oft lösen verschiedene Teams dieselben UI-Probleme parallel und nur leicht abgewandelt.
„Wenn solche Muster sichtbar werden, versteht der Kunde sehr schnell, wo der eigentliche Hebel liegt. Ein Design System ist dann keine Theorie mehr.“
Bei der Einführung von Design Systems beobachtet Aleksej häufig zwei Extreme. Entweder wird versucht, sofort alles abzubilden, oder es bleibt bei einem rudimentären Minimum ohne echten Mehrwert.
Die größte Falle ist jedoch organisatorischer Natur. Wenn Design und Entwicklung getrennt weiterarbeiten, verliert das System seinen Nutzen. „Am häufigsten scheitert es an fehlenden Prozessen“, betont Aleksej. „Ein Design System ist kein einmaliges Projekt, sondern eher wie ein Motor. Er läuft nur, wenn er gepflegt wird. Ohne Wartung sammelt sich schnell Sand im Getriebe und aus Effizienz wird Stillstand.“
Aleksej beginnt deshalb nicht bei Tokens oder Patterns, sondern mit einer fundierten Bestandsaufnahme. Erst wenn Anforderungen wie Skalierbarkeit und technische Rahmenbedingungen geklärt sind, folgt die konkrete Ausarbeitung der Komponenten. Der Leitgedanke: so viel Struktur wie nötig, so wenig Overhead wie möglich.
Auch im Bereich der Design Systems ist Künstliche Intelligenz das dominierende Zukunftsthema. Während einige Stimmen behaupten, KI werde klassische Ansätze in Prototyping und Implementierung bald überflüssig machen, betrachtet Aleksej die Entwicklung pragmatisch.
„Wenn es effizienter geht, nutze ich es. Gleichzeitig sehe ich aktuell noch viele Grenzen, vor allem bei komplexen Anwendungen.“
Ein zentraler Aspekt kristallisiert sich für ihn jedoch schon jetzt heraus: „Gute Grundlagen werden wichtiger, nicht unwichtiger. Wer sauber strukturiert arbeitet, kann KI deutlich besser einsetzen.“
Langfristig verfolgt Aleksej bei Shapefield ein klares Ziel: UX soll nicht als zusätzlicher Schritt am Ende verstanden werden, sondern als integraler Bestandteil der Produktentwicklung. Entscheidend dafür ist für ihn der Wissenstransfer in die Praxis – weg von reinen Folien, hin zu gemeinsamer Arbeit an konkreten Produkten.
„Ich möchte Teams dahin bringen, dass sie wirklich zusammenarbeiten. Wenn Design, Entwicklung und Fachbereiche auf einer Linie sind, entstehen bessere Lösungen. Am Ende geht es darum, Komplexität so zu strukturieren, dass daraus etwas entsteht, das funktioniert und gut nutzbar ist.“